Uni-Logo

Knigge im Hörsaal

Im ganzen Land herrschte Aufregung, als der Juraprofessor Hefendehl seine Einführungsvorlesung in einer Jacke mit DDR-Staatswappen hielt. Für uns ein Anlass, über Hörsaalkleidung nachzudenken und bei Professoren nachzufragen.



Von Doreen Fiedler, Linguistik und Geschichte


kleiderfrag-cms.jpg
Was trägt ein Professor oder eine Professorin denn nun am besten im Hörsaal?

Foto: PantherMedia/ Martin Kosa

Eine Kleiderordnung für Professoren gibt es an der Uni Freiburg nicht. Seine blaue Trainingsjacke sollte der Strafrechtsprofessor Roland Hefendehl aber nicht mehr tragen. Denn auf der knallig blauen Sportjacke, dort wo das professorale Herz schlägt, prangt das DDR-Staatswappen mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Einige der anwesenden Studierenden erbosten sich bei der Einführungsvorlesung so darüber, dass sie eine Pressemitteilung herausgaben, in der sie die „Verharmlosung eines Unrechtregimes“ anprangerten und „disziplinarrechtliche Schritte“ forderten. Was einen ziemlichen Medienrummel auslöste.

Der Professor erklärte in einem Interview dazu, er wollte die Jacke mit dem Symbol der DDR bewusst als „didaktisches Mittel“ einsetzen, um ein Nachdenken anzustoßen. (link zum fudder-Interview am Ende des Textes)

Dass Kleidung Symbolcharakter hat, ist klar. Während zum Beispiel das Tragen von „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (wie etwa dem Hakenkreuz) bestraft werden kann, dürfte ein Che-Guevara-Portrait (Revolutionsführer) mit einem Palästinensertuch (einst Symbol des arabischen Widerstands der Palästinenser) kombiniert werden. Doch Frauen aufgepasst: Kopftuch dürfen Lehrerinnen in Baden-Württemberg nicht tragen. Zumindest nicht aus religiösen Gründen. Nonnen in Ordenstracht hingegen sind legitim.

Zurück in die Uni: Einst war das Professorengewand ein Kälteschutz. Die langen Talare - heute Ausdruck des professoralen Habitus – wurden im Mittelalter als warmes Überkleid in den kalten und zugigen Universitätshallen getragen. Die 68er entdeckten unter den Talaren aber „den Muff von tausend Jahren“ und so müssen sie fortan in den Schränken verbleiben.

Wie zukünftig auch die Jacke von Professor Hefendehl. Dass er diese nicht mehr anziehen solle, forderte der Rektor nämlich, als er davon erfuhr. Welches Gewand also könnte der Professor nun tragen, wenn er vorträgt?

Ein Vorschlag: Die Uni bastelt gerade an ihrem neuen „Corporate Design“. Einheitliche Kleidung in der Uni-Farbe himmelblau, bestickt mit dem neuen Logo, würde den Dozierenden die allmorgendliche Kleiderfrage abnehmen. Aber ob wir eine derartige Uniformierung wirklich wollen?



Was sagen eigentlich Dozierende zum Thema Hörsaalkleidung?



prof.-hoenen.jpg
Prof. Dr. Maarten J.F.M. Hoenen: Ein Dreiteiler hat sich bewährt.

Prof. Dr. Maarten J.F.M. Hoenen, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Antike und Mittelalter


"Eigentlich mache ich mir gar keine Gedanken bei der Auswahl. Der Dreiteiler hat sich bei mir als die beste Vorlesungskleidung bewährt. Ich ziehe gerne die Jacke aus, wenn es zur Sache geht, damit ich mich nicht mit Kreide vollschmiere, und dann ist man im Dreiteiler immer noch gut gekleidet und die Krawatte hängt einem nicht im Wege.

Einen guten Anzug spürt man am Körper kaum: es ist wirklich ein Genuss, einen solchen zu tragen. Nur ist der Nachteil, dass er Distanz schafft. Deshalb trage ich meine Dreiteiler nur noch bei der Vorlesung."
















prof-lingelbach.jpg
PD Dr. Gabriele Lingelbach: Praktisch sollte Hörsaalkleidung sein.


PD Dr. Gabriele Lingelbach, Lehrstuhlvertretung Geschichte des Romanischen Westeuropa


"Dozierendenkleidung richtet sich vor allem nach Praktikabilität. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Vorlesungs- und Seminarkleidung. Vorlesungskleidung muss viele Taschen haben: Für das Portable Micro (große Tasche), für den Powerpointstick (kleinere Tasche), für den Laserpointer und so weiter - am praktikablesten wäre sicherlich Outdoor-Equipment oder so eine Weste, wie sie Joesph Beuys trug ... das wäre allerdings vom ästhetischen Gesichtspunkt her suboptimal.

Also: Jacken mit vielen Taschen. Und mit Revers. Denn die Universität Freiburg setzt auf - Zitat - "Krawattenmikrophone". Aber Krawatte geht nun einmal nicht für alle, daher muss das Mikrophon irgendwo angeklemmt werden: Also Jacken mit Revers. Was wiederum im Sommer schwierig ist.

Seminarkleidung muss vor allem eins sein: hell. Zumindest, wenn man in Räumen unterrichtet, wo noch eine mit Kreide zu beschreibende Tafel hängt. Dunkle Kleidung können Sie nach dem Versuch, ein sinnvolles Tafelbild zu entwerfen sofort in die Waschmachine stecken."








prof-scharloth.jpg
PD Dr. Joachim Scharloth: Trägt auch gerne mal Chucks.

PD Dr. Joachim Scharloth, Lehrstuhlvertretung für Germanische Philologie


"Als ich anfing, an der Universität Freiburg zu arbeiten, befand ich mich in einem Dilemma. Bis letztes Frühjahr noch war ich Wissenschaftlicher Assistent an der Uni Zürich und habe mich mit den Studierenden geduzt. Das macht man dort so. Nun vertrete ich frisch habilitiert eine Professur für Germanische Philologie. Ich bin Soziolinguist. Ich bin 36.

Die Würde meines Amtes – das sagten mir vor allem meine Zürcher Kolleginnen – gebiete es, dass ich meinen Kleidungsstil ändere. So viel Verständnis ich für diese Haltung zeige, so muss ich doch neben dem akademischen Stand auch die Anforderungen meiner Disziplin berücksichtigen: Ich bin Soziolinguist und als solcher darf ich mich natürlich nicht zu ordentlich kleiden. Ein Soziolinguist im Dreiteiler ist eigentlich kein Soziolinguist, schon gar nicht, wenn er 36 ist.

Und zuletzt, ich gebe es zu, ein wenig trauere ich dem studentischen Leben nach. Und eigentlich finde ich es auch ganz nett, wenn mich mal ein Kommilitone unwissentlich duzt. Und das kommt meistens vor, wenn ich doch mal wieder meine Chucks trage. So stehe ich also vor dem Kleiderschrank und greife hinein in der Hoffnung, als Dozent ernst genommen, als Soziolinguist wahrgenommen und vielleicht ab und zu für einen Studenten gehalten zu werden."







prof.-senger.jpg
Prof. Dr. Dr. Harro von Senger greift selten zur chinesischen Krawatte.


Prof. Dr. Dr. Harro von Senger, Professor für Sinologie: Kultur- und Geistesgeschiche Chinas


"Ich überlege mir am Morgen eines Tages, wem ich begegnen werde, und treffe je nachdem die Wahl der Kleidung. Mal suche ich mir einen Anzug mit schönem Hemd und Krawatte, mal etwas Einfacheres aus. In Lehrveranstaltungen trage ich nicht selten eine Krawatte. Damit möchte ich meine Hochschätzung der Studierenden – unserer Zukunft – zum Ausdruck bringen. Eher selten greife ich zu einer chinesischen Krawatte, etwa dann, wenn ich einen China-Vortrag zu halten habe. In der Regel aber vermeide ich es, mittels Kleidung einen China-Bezug herzustellen."















Hier geht's zum fudder-Interview mit Professor Hefendehl.




zurück Zurück zum Newsletter

Personal tools