„Das elektronische Belegverfahren vereinheitlichen“
Schon wieder nicht das Wunschseminar bekommen oder noch schlimmer, gar keins? Wer mehrere Fächer studiert hat zudem das Problem, mit unterschiedlichen Anmeldeverfahren zu unterschiedlichen Zeitpunkten konfrontiert zu sein. Seit zirka drei Jahren gibt es an der Universität Freiburg das elektronische Anmeldeverfahren – was zu einer großen Unzufriedenheit bei Studierenden führt.
Von Karolin Schmidt, Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft und Skandinavistik (Fotos: Silvia Cavallucci)
Ein Gespräch mit dem Vize-Rektor der Universität, Professor Dr. Hans-Jochen Schiewer, der das Rektorat zur Zeit kommissarisch leitet, dem Leiter des EDV-Dezernats Dr. Michael Kraus und dem Betreuer des Veranstaltungsmanagements, Michael Stader, soll mehr Transparenz in Sachen Anmeldeverfahren bringen. Wir haben Erfahrungsberichte von Studierenden vorgelegt. Drei davon findet Ihr im Anschluss an das Interview.
Warum wird das elektronische Anmeldeverfahren überhaupt genutzt, wenn die Lage gefühlt schlimmer ist, als es zu Zeiten der Listen war, in die man sich für einen Seminarplatz eingetragen hat?
Schiewer: Wir brauchen die Hilfe der Elektronischen Datenververarbeitung, um die Studierbarkeit der neuen Studiengänge überhaupt zu gewährleisten. Jetzt sehen wir, was dabei herauskommt, wenn verschiedene Anmeldeverfahren vermischt werden. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir versuchen müssen, den Prozess zu moderieren.
Wie soll das aussehen?
Schiewer: Wir haben jetzt die Aufgabe im Dialog mit den Fakultäten, die Anmeldeprozeduren zeitlich und verfahrenstechnisch zu vereinheitlichen. Dafür setzen sich auch viele Studienkommissionen der Fakultäten ein. Das heißt, Anmeldeverfahren sollten erwartbar zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnen und die Belegfrist sollte eine Woche umfassen. Wichtig ist dabei, dass auch Einrichtungen wie das Zentrum für Schlüsselqualifikation in diesen Prozess einbezogen werden.
Belegverfahren. Karolin Schmdit fragt nach,
warum es ist wie es ist.
Von links: Michael Stader, Dr. Michael Kraus, Professor Schiewer.
Aus welchem Grund muss man sich bei einigen Einrichtungen um Mitternacht anmelden? Wenn das mehrere hundert Studierende gleichzeitig tun, ist es nicht verwunderlich, dass der Server zusammenbricht.
Stader: Das stimmt. Bislang war es aber aus technischen Gründen nicht möglich, die Start- beziehungsweise die Enduhrzeiten für das Verfahren zu definieren. Das ist ab jetzt anders. Dass eine mittenächtliche Anmeldung von den Studierenden nicht gerade als guter Service empfunden wird, ist klar. Und wenn’s dann zu Serverproblemen kommt, ist nachts kein EDV-Betreuer zur Stelle.
Kraus: Aber würde man die Anmeldezeiträume verschieben, würde das das „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“-Problem nicht lösen. Würde man beispielsweise ab 9 Uhr morgens freischalten, säße die Hälfte der Studierenden in der Vorlesung.
möchte eine Lösung finden, das Belegverfahren transparenter und einheitlicher
zu gestalten.
Die unterschiedlichen Zeitpunkte der Anmeldeverfahren sind nur ein Problem. Ein weiteres ergibt sich aus dem angesprochenen Windhundverfahren, dem sogenannten „first come, first serve“-Modell. Das heißt, wer sich zuerst anmeldet, sichert sich einen Platz.
Der Softwarehersteller HIS empfiehlt dieses Verfahren ausdrücklich nicht. Das Zentrum für Schlüsselqualifikation beispielsweise verteilt die Seminarplätze nach unterschiedlichen Prioritäten und Kriterien. Dabei ist der Anmeldezeitpunkt oft der entscheidende Faktor.
Stader: Bei der Platzvergabe können mehrere automatisierte oder manuelle Vergabeverfahren gekoppelt werden. Bei der Wahl der Belegungs- und Vergabefunktionalität spielt aber auch der administrative Aufwand für die Einrichtungen eine entscheidende Rolle. Das Windhundverfahren ist das Beleg- und Vergabeverfahren mit dem geringsten administrativen Aufwand: Ist die festgelegte Anzahl der Plätze belegt, wird die Online-Belegfunktionalität gesperrt und die Belegungswünsche werden automatisiert akzeptiert. Der Kurs ist voll und die Einrichtungen müssen sich nicht mit Losverfahren oder anderen Vergabemodalitäten auseinandersetzen.
Kraus: Das führt aber zu Ungerechtigkeiten. Wir empfehlen daher, ein Losverfahren oder ein manuelles Vergabeverfahren, bei dem die Zulassung durch Mitarbeiter der Einrichtung vergeben wird. Eine weitere Möglichkeit wäre das Verfahren nach Gruppenpriorität. Dabei können Studierende Prioritäten angeben, die dann bei der automatischen Vergabe der Plätze gesamtheitlich betrachtet, möglichst optimal berechnet und berücksichtigt werden. Das würde sicher zu einer höheren Akzeptanz bei den Studierenden beitragen.
Schiewer: Ich bin der Meinung, dass wir das Windhundverfahren auf jeden Fall ausschließen sollten. Es ergeben sich Ungerechtigkeiten, die vermeidbar sind. Wenn wir ein bestimmtes Zeitfenster haben, indem man sich anmelden kann, bedarf es keiner Hektik und Panik und noch die letzte Anmeldung vor Schließung der Belegphase garantiert dieselben Chancen wie die erste. Ich bin sehr dafür, dass wir das mit den Fakultäten besprechen und verbindlich machen. In der Philogischen Fakultät wird beispielsweise das Losverfahren eingesetzt, das alle Anmeldungen unabhängig vom Zeitpunkt gleichstellt.
Windhundverfahren.
Das gewährleistet allerdings auch nicht, dass man einen Wunschplatz erhält.
Stader: Dabei muss man aber auch mal das Nutzerverhalten ansprechen. Wenn sich jemand zu zehn Kursen anmeldet, definitiv aber nur drei belegen will, versperrt das anderen natürlich den Zugang.
Ist aber aus studentischer Sicht die einzige Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit auf einen Platz zu erhöhen. Melde ich mich nur für einen einzigen Kurs an, fängt man an zu pokern, bekomme ich ihn möglicherweise nicht, stehe ich mit leeren Händen da.
Schiewer: Das ist natürlich völlig verständlich. Aber das Verfahren beinhaltet gleichzeitig die Möglichkeit, nachzurücken. Außerdem kann man erkennen, welche Seminare ganz oben auf der Prioritätenliste der Studierenden stehen und weiß damit, welche Themen für die Studierenden besonders interessant sind und kann dann - zumindest im folgenden Semester - entsprechend reagieren.
Professor Schiewer, ab wann glauben Sie, wird sich das Anmeldeverfahren zugunsten aller Beteiligten ändern?
Schiewer: Ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Für das kommende Wintersemester wird sich nicht so viel tun, aber bis zum Sommersemester 2009 wird sich einiges verändern. Wir haben im Juni eine Arbeitsklausur mit Vertretern aus allen Einrichtungen, wo wir mit Studierenden auch über dieses Thema diskutieren werden. Sie sehen also, es ist schon einiges im Gange.
"Das kenne ich auch" - Berichte von Studierenden zum Belegverfahren
Semester“ferien“ sind für mich harte Arbeit. Denn irgendwann danach
kommt das nächste Semester. Und das will sorgfältig geplant sein. In
meinem Hauptfach Germanistik darf ich mich ganz modern online anmelden.
Alle Studierenden müssen durch ein erstes Belegverfahren, die erste
Stornierungsphase, die zweite Belegphase... Anders verläuft es in
meinem Nebenfach Geschichte, dort werden die Seminare auch zentral,
aber per Zettel und Handarbeit verteilt. Zumindest die Proseminare, für
die Hauptseminare entscheiden die Dozenten selbst: Persönlich in der
Sprechstunde anmelden, nur eine kurze E-Mail versenden, zum
Lehrstuhlsekretariat laufen oder bei der Vorbesprechung während der
Semesterferien persönlich erscheinen. Und dann gibt es noch den
Professor, der bei der „verbindlichen und persönlichen“ Anmeldung schon
ein eigenes Thema und ein Exkursions-Referat fordert. Nur einmal ist es
noch wie früher: Anmeldung in der ersten Seminarsitzung. Ich versuche
den Überblick zu behalten. Denn ich darf mein drittes Studienfach nicht
vergessen. Die Historische Anthropologie ist vorbildhaft
interdisziplinär und somit allen Anmelde-Ideen ausgesetzt. Für das eine
Seminar schreibt man sich „unter Vorlage des
Zwischenprüfungszeugnisses“ im Sekretariat ein, woanders hängen Listen
am Ende des Semesters aus – nur weiß niemand, ab wann die Zettel dort
hängen. Meine erste Urlaubswoche ist verbucht. Schöne Ferien. (Doreen
Fiedler)
3.46 Uhr – Mist verschlafen! Von 00.00 bis 01.00 Uhr war die erste Runde des Anmeldeverfahrens des ZFS (Zentrum für Schlüsselqualifikationen) angekündigt. Müde wie ich war, und mit der Aussicht auf einen anstrengenden Arbeitstag, war ich einfach schlafen gegangen. Den Wecker auf 00.00 Uhr gestellt, den Laptop im Stand-by-Modus griffbereit neben dem Bett deponiert, wähnte ich mich in absoluter Sicherheit. Was nun? Schlaftrunken taste ich mich zum Computer. Die Seite des ZfS ist schon bei den Favoriten gespeichert, nur ein kurzes Klicken ist nötig um zu sehen: „Die Anmeldung ist erst wieder ab 07.00 Uhr morgens möglich“. Na toll. Den Wecker also erneut stellen, diesmal auf fünf vor 07.00 Uhr. Der Laptop bleibt im Stand-bye-Modus. Der Wecker klingelt, diesmal bin ich gleich fit, nach weiteren drei Stunden Schlaf nun Versuch Nummer zwei. Der Adrenalinspiegel steigt. Eine Minute später ist klar, um 7.01 Uhr stehen bereits 70 (!) Leute vor mir auf der Warteliste für die „Grundlagen der BWL“! Auch andere Kurse für die ich mich interessiere sind bereits ausgebucht. Ich bin wütend, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Für 500 Euro Studiengebühren, erwarte ich mir zumindest ein Anmeldeverfahren zu normalen Tageszeiten. Beispielsweise dann, wenn auch die CIP-Pools der UB geöffnet haben. Es soll schließlich auch noch Menschen ohne Internet zu Hause geben. (Eva Dorn)
Nach dem Semester ist vor dem Semester, denn kaum sind die letzten Referate und Klausuren abgehakt, ist auch schon der Stundenplan für das nächste Semester aktuell. Seit einiger Zeit gibt es nämlich beim Deutschen Seminar Kafka, Schiller, Heine und ihre dichtenden Kollegen online zu „bestellen". Doch die simple Per-Mausklick-in-den-Einkaufswagen-Taktik ist noch nicht ganz in Freiburg angekommen. Bei dem Online-Anmeldeverfahren darf ich lediglich einen „Belegwunsch" abgeben - und damit das ganze so richtig spannend bleibt, erfahre ich erst nach einer Woche, ob ich zu den Seminaren zugelassen bin. Sollte ich dabei leer ausgehen, darf ich dann in der zweiten Anmelderunde um die Seminare buhlen, die - prickelnd, wie sie sich anhören - nach dem ersten Ansturm noch mit Restplätzen aufwarten können. So erfahre ich also von meinem Computer, was, wann und bei wem ich lernen darf. Macht nichts, schließlich ist er ja die Form der "höheren Intelligenz". (Rimma Gerenstein)
