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„Wir räumen keine Fächer leer“

Unsere Uni ist exzellent. Mit der finanziellen Ausstattung durch den Bund wird neue Forschung finanziert - und die Uni geht daran zu Grunde, meinen die Studierenden. Professoren sähen sich nur noch als schreibende Wissenschaftler und wollten mit der Lehre nichts mehr am Hut haben. „Alles Unfug“, erklärt man im zukünftig größten Forschungskolleg Deutschlands. „Wir bringen der Uni Geschenke.“ Auch den Studierenden?



Von Doreen Fiedler, Linguistik, Geschichte, Historische Anthropologie


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Freiräume zum Forschen:
Das FRIAS-Gebäude  in der Albertstraße.

Foto: Rüdiger Buhl

Freiburg wagte den gefährlichen Weg: Seine starken Forschungsgebiete - also Geschichte, Sprache und Literatur, Life Sciences und Materialwissenschaften - wurden miteinander verknotet und gemeinsam in den Exzellenzwettbewerb geschickt, auf dass sie als Seilschaft siegreich den Berg erklimmen oder zusammen abstürzen würden. Letzten Oktober war klar: Gipfel erreicht.

Als Belohnung „haben wir üppig Geld bekommen“, freut sich Professor Werner Frick, der Direktor von FRIAS, dem neu gegründeten Freiburg Institute for Advanced Studies. „Eine Institution wie das FRIAS ist eine Notlösung, eine Reaktion auf die eklatante Mangelsituation, die chronische Vernachlässigung und die Unterausstattung an deutschen Universitäten. Wir bräuchten natürlich neue Professuren, bekommen sie aber nicht. Und mit dem FRIAS können wir endlich die Uni entlasten.“

 
Freiraum zum Forschen


Denn Dozenten an deutschen Universitäten erledigen viele Aufgaben gleichzeitig: Sie sitzen in Gremien, arbeiten für die Verwaltung, schreiben Gutachten oder erledigen die Bürokratie. Dazu kommen Vorlesungen, Übungen und Seminare, Kolloquien und Prüfungen – ein Professor auf 150 Studierende. Und dann sollten sie noch forschen. Dazu müssen sie entweder die Nächte nutzen oder ihre Studierenden vernachlässigen.

Seit April dieses Jahres haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Freiburg gemeinsam mit renommierten Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt die Möglichkeit, als Fellows am FRIAS in Ruhe Bücher zu schreiben und neue Initiativen zu beginnen, die schlussendlich der Uni wieder zu Gute kommen. Denn die Forscher dienen als Impulsgeber, das FRIAS soll in die Lehre zurückwirken.


Informeller Austausch im FRIAS

 
In einem stillgelegten Laborgebäude der Pathologie sitzen die etwa 60 Forscher der vier “Schools” zusammen, und dort, wo einst Menschen auseinander genommen wurden, werden nun Argumente zerlegt. Man sieht ihnen die Freude an: Endlich haben sie die Chance zu beweisen, dass sie das noch können. Das Forschen. Das Bohren in die Tiefe. Das Für-sich-selbst-etwas-Lernen. Sie beschreiben ihre Arbeit als Erholungs-Kur, in der sie ihre wissenschaftliche Identität wieder finden und sich von den Frustrationen des verschleißenden Alltagsbetriebs an einer Massenuniversität lösen können. Und wer genug von Büchern hat, begibt sich in die „Lounge“, wo sich die Geistes- und Naturwissenschaftler zum informellen Austausch treffen.


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Austausch in Freiburg:
FRIAS macht's möglich.

Foto: Sebastian Bender

Denn alle Forschungssemester finden am Ort statt. Niemand zieht sich nach München oder Berlin, Oxford oder Princeton zurück, nimmt sich ein Freisemester in seinem Ferienhaus in der Provence oder wandert gleich ganz aus. Die FRIAS-Professoren gehen auch weiterhin in die nahe gelegene Uni, um ihr Wissen zu vermitteln und sie stehen ihren Studierenden für Prüfungen zur Verfügung. Nur eben weniger, freiwillig und zusätzlich.

Alle Lehrstühle werden voll vertreten, von frischen und ehrgeizigen Habilitierten, die sich endlich beweisen können. Und dann sind da noch die Gastwissenschaftler aus vielen Ländern, die Freiburg-Importe, häufig „global players in the field“. Man trifft weltberühmte Forscher wie den Linguisten Paul Hopper oder Nachwuchskräfte wie Tilmann Köppe. Er bekam einen Forschungsplatz als „Junior Fellow in Literary Studies“, auf dem er „lehren kann, das aber nicht machen muss“.  Begeistert ist er, wie nahe er hier mit den Studierenden zusammenarbeitet.


Was es den Studierenden bringt

 
Und was haben die Studierenden selbst davon? Die Akademiker sind viel bessere Lehrer, wenn sie motiviert an die Uni zurückkehren und wieder Lehre betreiben dürfen, ist sich Professor Frick sicher. Nur weil das FRIAS eine Forschungsinstitution ist, dürfe die Einrichtung auf keinen Fall auf Kosten der Studierenden gehen.

Ganz direkt profitierten die Studierende durch mehr Seminare und Kolloquien, Workshops oder Summer-Schools, angeboten von internationalen Experten, die sie sonst nie zu Gesicht bekämen. Zwischen sechs Monaten und drei Jahren forscht jeder in der Albertstraße, und alle treten mindestens einmal in der Uni in Erscheinung. Professor Frick schätzt, dass sich durch das FRIAS doppelt so viele Historiker, Literaturwissenschaftler und Linguisten in Freiburg aufhalten wie vorher und bald kommen auch die zusätzlichen Naturwissenschaftler.

Wer allerdings wie von den Offerten profitieren kann, scheint noch nicht ganz klar. In den Fakultäten wissen die Studierenden noch nichts von ihrem Glück, die Ausschreibungen sollen auch nicht über die sonstigen Anmeldestellen laufen.

 
Ein Angebot also vor allem für Fortgeschrittene. Zum Beispiel für Doktoranden und junge Postdocs, die am FRIAS eigene Nachwuchsforschungskonferenzen leiten und deren Ergebnisse selbstständig publizieren können. Außerdem finden sich – meist persönlich vermittelte - Hilfswissenschaftler, die arrivierten Forschern zuschauen und bei der Arbeit assistieren dürfen. Dabei sei die Arbeitsatmosphäre total nett und die Hierarchien flach, wie die angestellten Studierenden versichern. Steil sind nur die Stufen im Forscher-Haus, in dem alle zusammen luftige Höhen erklimmen. Das aber hat seinen Grund. Denn der Aufstieg der Freiburger Uni soll eben erst begonnen haben. Mit den neuen finanziellen Möglichkeiten werden Unterschiede zu anderen deutschen Universitäten entstehen, so die hausinterne Prognose. Nicht nur für die einzelnen Forscher, sondern so, dass die ganze Uni etwas davon hat.


Vortrag:

Im Rahmen des FRIAS hält Prof. Dr. Hans-Ulrich Gumbrecht, Stanford University, am Montag, den 23. Juni 2008, 18 Uhr c.t., Hörsaal 1010, KG I, einen Vortrag zum Thema „Wird das 21. Jahrhundert ein aristotelisches sein?“. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.







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