Randsport für Anti-Proleten
Sie ist rund, sie ist aus Plastik, oft bekommt man sie geschenkt. Aber sie taugt, um sich am Strand oder im Schwimmbad damit die Zeit zu vertreiben. Die Frisbee-Scheibe. Kaum zu glauben, dass Frisbee-Werfen eine der anstrengendesten und schnellsten Sportarten überhaupt sein kann. „Ultimate Frisbee“ nämlich – und das gibt’s auch beim Hochschulsport.
Von Verena Schwald, Politik und Englisch
„Das Callen entspricht einfach dem Spirit hier“, sagt Alex Tomm. Das klingt wie die Sprache deutscher Hip-Hopper oder zumindest Esoteriker. Beschreibt aber eines der wichtigsten Merkmale einer Sportart.
Beim „Ultimate Frisbee“, kurz „Ultimate“, erklärt Alex Tomm, einer der Spieler des Freiburger Teams „Disconnection“, gibt es nämlich keinen Schiedsrichter. Dafür aber eine ganze Terminologie. Eine englische, weil der Sport an einem US-College entstanden ist.
„Callen“ ist die Reaktion eines Spielers auf eine Regelwidrigkeit oder ein Foul: Die Beteiligten winseln dann nicht auf dem Boden liegend oder reißen protestierend die Arme in die Luft. Sie diskutieren und baldowern in maximal 30 Sekunden aus, wer denn nun wen gefoult hat. Die Frisbeescheibe kriegt die Mannschaft des Gefoulten. Das ist der „Spirit“, Fairness als Philosophie. Randsport für Anti-Proleten sozusagen, findet auch Tomm.
Ultimate hält fit
Wer fair ist, muss aber nicht pünktlich sein. „Treffen wir uns um halb sechs am Stadion und reden schon mal“, hatte Sebastian Stöcklein von „Disconnection“ am Telefon gesagt. 17.50 Uhr – es ist kalt, aus grauen Wolken droht es loszuregnen – ein junger Mann trottet daher. Brauner Wollschal, filigrane runde Brille, dicker Rucksack. Sebastian Stöcklein ist er nicht. Sondern eben Alex Tomm. Also gibt er den Crash-Kurs in „Ultimate“. Mit Leidenschaft.
Das sei nicht nur ein bisschen Scheibewerfen, sondern „viel intensiver als Fußball“ und erfordere unheimliche Fitness. Er erklärt auch das Spielprinzip: Ziel ist, die Scheibe in die Endzone des Spielfelds zu bringen. Einen Punkt gibt das. Mit der Scheibe bewegen ist aber verboten. Die Mannschaft, die zuerst eine vorher festgelegte Punktzahl hat, gewinnt. Sieben gegen sieben wird gespielt.
Alex Tomm redet so schnell, dass das Mitschreiben mit den vor Kälte steifen Fingern schwer fällt. Das Tolle sei, dass es keinen Liga-Alltag, wie beim Fußball, gebe. Man spiele einzelne Turniere; Männer und Frauen häufig in einem Team. „Wie Kurzurlaub“ sei das, so Tomm.
Schnelles Spiel mit der Scheibe
Immer mehr „Ultimate“ Spieler tröpfeln ins Stadion, lächeln freundlich,
stellen Fragen, bieten Hilfe an. Eilig scheint es niemand zu haben. Kurz nach sechs kommt dann endlich auch Sebastian Stöcklein. Er streckt
lässig die Hand aus. “Ich bin Seppl.“ Dann bindet er sich erst einmal
ziemlich kompliziert die Stollenschuhe. Die anderen werfen sich ein,
sprinten und sind albern. Hier ein Witz, da ein Spruch, schallendes
Lachen.
Dann endlich geht das Spiel los. Mittlerweile regnet es. Die Scheibe zischt durch die Luft, saust von Spieler zu Spieler. Unten, oben, kurz oder lang und im Bogen. Manchmal hilft nur noch Kopfeinziehen.
Hier und da passiert ein Foul. Das Aushandeln geht meist schneller als 30 Sekunden. Stöcklein macht den Trainer, brüllt Kommandos. Die Scheibe ist trotz Fairness hart umkämpft. Nur noch ein paar Schritte und schon hat Alex Tomm für’s Team in den neongelben Leibchen gepunktet. Tosender Jubel. Und zack, fliegt die Scheibe wieder. Heute bis es dunkel wird.
Randsport zu sein, ist gar nicht so schlecht, findet Sebastian Stöcklein: „Die Szene ist klein, familiär und entspannt.“ Als Hippie-Sportart wird „Ultimate“ oft verspottet. Wer die Freiburger Truppe kennen gelernt hat, empfindet das als Kompliment.
Termine:
„Disconnection“ trainiert mittwochs im Rahmen des Unisports zwischen 17 und 20 Uhr im Unisport-Stadion. Außerdem montags ab 18.30 bis es dunkel wird auf dem Gelände des PTSV Jahn, Platz 1 und donnerstags zur gleichen Zeit im Seepark-Stadion. Sportbegeisterte Anfänger sind immer willkommen.
Infos gibt es auch unter www.disconnection.de oder direkt per E-Mail: info@disconnection.de
