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„Ohne die Studierenden gäbe es die Universität nicht“

Die Uni ist nicht mehr führungslos: Am 1. Oktober 2008 tritt Professor Hans-Jochen Schiewer seine sechsjährige Amtszeit als Rektor an. Doreen Fiedler und Wibke Hartleb haben vorab schon mal den bisherigen Prorektor für Studium und Lehre gefragt, was ihn für das Rektoren-Amt auszeichnet und was er in Zukunft für die Studierenden tun möchte.


Von Doreen Fiedler, Linguistik, Geschichte, Historische Anthropologie und Wibke Hartleb, Chemie (Text und Fotos)


Hans-Jochen Schiewer, Professor für Mediävistik und bisher hauptamtlicher Prorektor für Studium und Lehre, wurde im Juli vom Universitätsrat zum neuen Rektor gewählt. Die Wahl wurde am 23. Juli 2008 vom Senat bestätigt. Seit Mai war Professor Schiewer zusätzlich kommissarischer Rektor, da der im April 2008 neu angetretene Rektor Voßkuhle bereits nach vier Wochen als Vizepräsident an das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wechselte. Ab Oktober ist Professor Schiewer neuer Rektor der Uni Freiburg.

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Herr Professor Schiewer, Sie sind zwar noch nicht offiziell im Amt, aber ja bereits gewählt. Mit welchem Gefühl betreten Sie jetzt das Rektorat? Ist es anders als zuvor?

Meine Gefühle haben sich nicht wesentlich geändert. Ich war als Vizerektor mit großem Vergnügen bei der Sache und die Aussicht, jetzt sechs Jahre hier gestalten zu können, ist eine wunderbare Herausforderung.

Die Arbeit im Rektorat ist ein Vollzeitjob. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Professur?

Mit dem Antritt des neuen Rektorats im April hatten wir uns vorgenommen, dass sich jeder einen halben Forschungstag pro Woche nimmt – aber das klappte durch den Ruf Rektor Voßkuhles ans Bundesverfassungsgericht so nicht. Die Studierenden, die sich bei mir zur Prüfung angemeldet haben, werde ich weiter betreuen und im November prüfen. Außerdem habe ich Verantwortung für meine Doktorandinnen und Doktoranden, insofern fühle ich mich nicht so ganz abgeschnitten von der Forschung und von dem Leben als akademischer Lehrer.

Sie sind Mittelalterforscher, Ihre Vorgänger waren ein Politikwissenschaftler und ein Jurist. Da ist der Schritt in so ein politisches Amt wie das des Rektors näherliegend. Was zeichnet Sie für dieses Amt aus?

Eines meiner speziellen Forschungsgebiete ist der mittelalterliche Hof. Am Hof geht es um Führungspersonal, um Beratungsgremien, um verschiedene Interessengruppen, um Lobbyisten. Ich glaube, dass diese Figuren am Hof mich gut auf die politischen Strukturen der Gegenwart vorbereitet haben. Meine wissenschaftliche Arbeit hat viel damit zu tun, was zum Beispiel politische Klugheit ist. Und ich führe nun eine Institution, die selbst eine jahrhundertealte Geschichte hat und deren Wurzeln im Mittelalter liegen.

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Ohne die Stimmen der Studierenden im Senat wären Sie vermutlich nicht zum Rektor gewählt worden. Wir verstehen das als eine Art Vorschuss – was möchten Sie in Zukunft für die Studierenden tun?

Mich hat es sehr gefreut, dass die Studierenden mir so viel Vertrauen entgegen bringen. Es mag in gewisser Hinsicht ein Vorschuss sein, aber ich denke, dass es auch eine Bestätigung dessen ist, was sich im Verhältnis zwischen Studierenden und Rektorat schon verändert hat. Die Gesprächskultur zwischen Studierenden und Rektorat ist in den letzten Monaten eine andere geworden. Wir haben das Gefühl bekommen, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben für die Universität - bei allen Gegensätzen, die es natürlich auch geben muss.

Als Prorektor für Studium und Lehre habe ich mich mit fünf Fachschaften über ihre Perspektiven unterhalten, die jeweils sehr unterschiedlich sind. Wir haben viele Gespräche mit den AStA-Vertreterinnen und Vertretern geführt. Ich werde, wenn es irgendwie möglich ist, auch als Rektor künftig zu den Fachschaften gehen und nicht warten, dass die Fachschaften zu mir ins Rektorat kommen.

In den letzen Jahren hatte man als Student eher den Eindruck, das Rektorteam würde die Uni am liebsten ohne die Studierenden führen.

Das ist ein falscher Eindruck gewesen. Außerdem denke ich, dass bereits mit Rektor Voßkuhle ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Die Studierenden sind für mich ein wichtiger, integraler und zentraler Bestandteil der Universität, sie sind die tragende Säule der Institution. Ohne die Studierenden gäbe es die Universität nicht.


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Ein sehr großes Interesse der Studierenden besteht in einem besseren Betreuungsverhältnis von Studierenden zu Professorinnen und Professoren. Gibt es schon konkrete Ideen für mehr Professurstellen?

Das ist ein politisches Problem. Wir haben Normwerte für jedes Fach, die vorschreiben, wie viele Studierende von einer Professur zu betreuen sind. Das muss man ändern, aber das geht nur gemeinsam mit der Politik. Selbst wenn wir Geld hätten, könnten wir noch keine Stelle schaffen. Auch sind mehr Professuren nur die eine Seite. Ich bin der Meinung, dass wir derzeit nur Lehrprofessuren haben. Professoren unterrichten neun Semesterwochenstunden, und wenn sie diese neun Stunden in der Woche ernsthaft und mit großer Verantwortung unterrichten, dann ist das mindestens 50 Prozent der Arbeitszeit.

Wir müssen die Lehrverpflichtungen reduzieren, weil wir dann eine entschieden bessere Lehrqualität erreichen können. Wir müssen die Lehrdeputate absenken und gleichzeitig die Zahl der Lehrenden erhöhen. Allein die Zahl der Semesterwochenstunden zu erhöhen ist noch keine Verbesserung der Studiensituation.


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Ihre bisherige Position als Prorektor für Studium und Lehre wird jetzt frei. Auf wen setzen Sie und wie soll die Zusammenarbeit aussehen?

Welche Person das sein kann, das kann ich jetzt noch nicht sagen - ich habe das Vorschlagsrecht, der Universitätsrat und der Senat müssen mir aber nicht folgen. Er oder sie muss auf jeden Fall jemand sein, der sich auf die Studierenden einlässt und mit ihnen reden kann, jemand, den man gerne als Gesprächspartner oder -partnerin hat. Und dann muss es jemand sein, der darüber hinaus auch etwas von Management versteht. Die Zusammenarbeit stelle ich mir genauso eng vor, wie die zwischen Herrn Voßkuhle und mir hätte sein sollen.

Bei der Eröffnung des Schnupperstudiums Naturwissenschaft und Technik sagten Sie: „Ich finde es entscheidend, dass die Männerdomäne den Männern entrissen wird.“ Jetzt sind Sie in der Chefetage ein Mann. Wie werden Sie Ihren Anspruch umsetzen?

Es geht nicht um eine einzelne Stelle oder Position, sondern darum, dass es immer noch bestimmte Berufsfelder gibt, in denen Frauen und Männer nicht gleichgewichtig vertreten sind. Wir sollten aber betonen, dass alle Berufsfelder gleichermaßen für alle gesellschaftlichen Gruppen offen sein sollten. Das ist ein grundsätzliches Problem, das sich vor allem an der Geschlechterdifferenz Mann-Frau immer wieder entzündet. Ich bin auch klar gegen Quoten; jede Quote ist eine Beleidigung für die betroffene Gruppe.

Sie kommen aus Berlin, sind seit 2003 an der Uni Freiburg. Was macht für Sie Freiburg aus?

An der Uni Freiburg habe ich die besten Möglichkeiten in Forschung und Lehre, die ich je in meinem Leben hatte. Herrlich ist die Lage zwischen Frankreich und der Schweiz, auch Italien ist relativ in der Nähe – nicht nur des Lebensgefühls wegen. Hier gibt es eine interessante Mischung verschiedener akademischer Kulturen, ich habe Beziehungen nach Basel, nach Zürich, nach Fribourg und bis in die Romandie. Das ist für mich eine ideale intellektuelle Umgebung.


Infos

Weitere Infos zu Professor Schiewer und zur Wahl vom 23.7.2008 findet Ihr im Sonder-Newsletter 7/2008

Die Vita des neuen Rektors als pdf

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