Haftanstalt Uni
Trunkenbolde und Prügelknaben unter den Studierenden wurden einst in uni-eigene Gefängnisse gesteckt. Jetzt sind die so genannten Karzer wieder da. Nicht um die heutige Studierendengeneration einzukerkern, sondern um die lustigen Wandzeichnungen und kuriosen Geschichten allen zugänglich zu machen.
Von Doreen Fiedler, Linguistik und Neuere und Neueste Geschichte
Im dreieinhalbten Stock, hinter einer schweren Tür und umgeben von mindestens einen Meter dicken Sandsteinmauern, liegt ein Stück Uni-Geschichte. Kritzeleien stehen auf den Wänden, an der Stirnseite prangt ein buntes Wappen der Studentenverbindung „Hercynia”.
Neben der Treppe steht ein einfacher Kleiderschrank und in die breite Fensterbank sind die Namen von Insassen eingeritzt. Studenten, die gegen Recht und Gesetz verstießen, wurden vor rund einhundert Jahren in diesen Universitätskarzer geworfen.
Der vergessene Raum
Lange Jahrzehnte war der Karzer verschollen. Bis Dr. Dieter Speck, der Leiter des Uniarchivs und des Uniseums, sich auf die Suche machte. Fündig wurde er nicht in den offiziellen Bauplänen, auch nicht in Schriften zum Neubau des Kollegiengebäudes I im Jahr 1911.
„Aber in einer studentischen Anti-Festschrift zur Einweihung mit dem Titel ‘111 Jahre akademische Holzschnitzkunst’ gibt es eine Beschreibung, wie man in den Karzer kommt”, sagt Speck. Also stellte er sich an den Eingang des Gebäudes und folgte Wort für Wort den Anweisungen – bis er in einem Lektorat der Romanistik mit ominöser Zwischendecke landete.
Mit einer Foto-Postkarte des Karzers, die der moderne Archivar auf Ebay ersteigert hat, stellte sich Speck in den Raum, sah den abgebildeten Bogen an der Decke und wusste: „Hier muss es sein.” Anhand des Fotos lokalisierte er den Ort, an dem „Hercynia”-Wappen unter dem Putz sein sollte. „Dann haben wir gekratzt und es kam prompt was raus.”
Wandkritzeleien und spaßige Gesellschaft
Restauratoren versuchten, so viel Wandbemalung wie möglich zu retten. Sie legten unter anderem ein altes Gedicht frei, das von dem ersten Insassen Walter Stegmüller stammt. Ein Auszug:
„Nun ist es Herbst Es braust der Sturm
Jetzt um den stillen Karzerturm
Mein Schicksal war’s auf Erden
der erste drin zu werden.”
Stegmüller wurde seinerzeit als „König des Zufalls” gefeiert, erzählt Speck. Denn erst im Juni 1911 war er als 3000. Student der Universität begrüßt worden und bekam eine goldene Uhr überreicht. Im November desselben Jahres saß er als erster Student im neuen Karzer ein.
Drei bis fünf Tage mussten die Studenten im Uniknast „wegen Saufen, Ruhestörung oder Pöbeln” verbringen, sagt Speck. Manche durften gar nicht, andere nur zu den Vorlesungen hinaus. Noch heute weist ein Pfeil zum „Abort”, unter der Treppe steht „Gute Verrichtung” und daneben sind Wasserspülung, Klosett und Klobürste aufgemalt – obwohl stets nur Krug und Schüssel zur Verfügung standen.
Bis zu vier Studenten saßen zusammen ein und brachten sich jede Menge Alkohol mit. Die Fahne ihrer Verbindung hängten sie laut Uniarchivleiter Speck aus dem Fenster. „Es wurde Kult einzusitzen.”
Derart vergnüglich ging es nicht immer zu. „Früher hatte die Universität auch die höhere und niedere Gerichtsbarkeit inne”, weiß Speck. Zwei Studenten wurden sogar zum Tod verurteilt, einer wegen schweren Raubs, der andere hatte einen Mitstudenten umgebracht.
Die Gesetze wurden im 18. und 19. Jahrhundert langsam abgebaut und die Gerichtshoheit ging auf den Staat über. Im Kaiserreich hatte die Uni nur noch das Disziplinarrecht, 1920 schließlich wurde auch die Karzerstrafe abgeschafft.
Nicht nur der beheizbare Winterkarzer ist nun wiederhergestellt, auch der sogenannte Sommerkarzer zwei Treppen weiter oben ist im Rahmen einer Uniseum-Führung oder auf Anfrage kostenlos zu besichtigen. Bis 2006 saßen dort die Hilfswissenschaftler der Romanisten.
Jetzt ist der Raum leer und man kann den wunderschönen Fries abschreiten, der sich an der Wand entlang zieht. Ironisch und überspitzt wird darin der idealtypische Lebenslauf des ersten Sommerkarzer-Einsitzenden gezeigt, inklusive kindlichem Reifenspiel, der „Imatriculatio” an der Universität, Fechtszenen der Verbindung Borussia, Kartenspiel, Verhaftung durch den Schutzmann, die Haft im Karzer, bis hin zum Leichenwagen.
Überall präsent: Die sogenannten Paniere, die Wappen der Studentenverbindungen. Dieter Speck wundert das nicht: Zu Beginn des Jahrhunderts waren noch etwa zwei Drittel der Studenten Mitglied in einer Verbindung.
Info und Kontakt
Die Karzer können nach Absprache mit dem Uniseum in Führungen besucht werden.
Kontakt:
Tel. 0761 – 203 - 38 35
