Was ist dran am Bachelor?
Der Bachelor bringt mehr Stress. Der Bachelor bringt mehr Praxis. Der Bachelor lässt keine Zeit für Engagement. Der Bachelor ermöglicht beides: Beruf und Familie. Was ist dran an den Vor-Urteilen und Absichten des Bachelor? Wir haben für Euch genauer hingeschaut.
Praxisorientiertes Studienmodell oder Humboldt light? Eine gestraffte zweistufige Studienstruktur die europaweit anerkannt wird, bei gleichzeitig erhöhter Mobilität und gesteigerter Arbeitsmarktqualifikation: Dies sind die Hauptziele, die im Rahmen des Bologna-Prozesses bis 2010 an europäischen Universitäten erreicht sein sollten.
Wir haben uns die Vor-Urteile einmal genauer angeschaut und uns umgehört, was Studierende, Experten, Beratungsstellen und Professoren zum Bachelor sagen und welche Erfahrungen sie mit der Umstellung bis jetzt gemacht haben. Lest selbst.
? Der Bachelor bringt mehr Stress
Christina Huber, Psychologische Psychotherapeutin in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks, ist aufgefallen, dass die Bachelor-Studierenden „weniger Zeit haben. Es kommt häufiger vor, dass Termine nicht wahrgenommen werden können.“
Da das Studium offensichtlich straffer sei, hätten die Studierenden weniger Spielraum. Huber hat den Eindruck, dass „die Anfangsunsicherheit sehr groß ist und die Qualifikation, mit der die Studierenden eigentlich in den Beruf einsteigen sollen, unklar.“ Insgesamt hätten die Studierenden eine andere Art von Stress. „Wir können aber nicht bestätigen, dass die Bachelor-Studierenden sehr viel gestresster sind.“ (Wibke Hartleb)
? Der Bachelor bringt mehr Praxis
Im Career Center wurde neben einer gestiegenen Anfrage nach Auslandspraktika vor allem ein erhöhter Beratungsbedarf festgestellt: „Durch die verkürzte Studiendauer müssen Planungs- und Entscheidungsprozesse nun früher eingeleitet werden", sagt Michael Borchardt, Leiter des Career Center.
Aufgrund der Studienreform falle es den Studierenden nun oft schwerer, zeitliche Ressourcen für ein Praktikum zu finden, beziehungsweise dieses mit beruflichen Wünschen und Perspektiven abzugleichen. Auf Arbeitgeberseite stellt Borchardt eher eine erhöhte Einstellungstendenz für Praktikanten mit Studienabschluss fest. Eine konkrete Nachfrage nach Bachelor-Studierenden beobachtet der Karriereexperte momentan weniger.
? Der Bachelor bringt uns schneller und besser in den Arbeitsmarkt
Michael Borchardt kann keinen generellen Trend - ob positiv oder negativ - ausmachen: Derzeit habe eher die konjunkturelle Entwicklung einen Einfluss als die Studienreform. (Anima Iwischütz)
? Der Bachelor lässt keinen Spielraum für eine Kurswahl nach persönlichem Interesse
Lena studiert im dritten Semester Waldwirtschaft und Umwelt im Bachelorstudiengang und sieht es pragmatisch: „Die Lehrveranstaltungen treffen nicht immer unbedingt das, was mich interessiert, aber was ich wahrscheinlich trotzdem wissen muss. Ich denke, dass die Auswahl unserer Profs schon ganz gut ist und uns fachlich auf das Berufsleben vorbereitet.“
Nicht alles wird den Bachelor-Studierenden vorgegeben. So ermöglichen die BOK-Kurse (die „Berufsfeldorientierten Kompetenzen“) dem angehenden Bachelor, in fachfremde Bereiche zu blicken. Auch bei den Wahlpflichtfächern herrscht doch ein wenig Wahlfreiheit. „Wir dürfen jedoch nicht einzelne Fächer, sondern nur vorgefertigte Module auswählen“, relativiert Lena. „Ich schätze, das ist für Studierende im Vergleich zum Diplom ein Nachteil, da sie nicht zu 100 Prozent das belegen, was sie interessiert. Das wirkt sich meiner Meinung nach auf die Motivation und die Prüfungsleistung aus.“
Trotz aller Vorbehalte, einen Pluspunkt findet die Bachelorstudentin dann doch noch: „Uns wird – unfreiwillig - Arbeit abgenommen, das kann auch ein Vorteil sein.“ (Stefanie Griesser)
? Der Bachelor lässt keine Zeit für Engagement
„Etwas Positives und etwas Negatives“ kann Horst Hildbrand dem Bachelor/Master-System abgewinnen, wenn er als Redaktionsleiter von uni.tv die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet. Wenn heute Studierende zum ersten Mal die Schnitträume des uni.tv beträten, brächten sie oft schon Grundwissen des journalistischen Arbeitens mit. So hätten sie im ZfS oder dem New Media Center bereits Kurse, etwa zum Videoschnitt oder Tonbearbeitung, belegt.
Außerdem kämen viele geschult durch Kommunikations- und Persönlichkeitsbildungskurse und sind, wie etwa durch ein Rhetorikseminar, gut aufs Moderieren vorbereitet.
Auf der anderen Seite sei den Bachelor-Studierenden die Flexibilität abhanden gekommen. Da Fernsehen immer Teamarbeit ist, müssen Termine für Organisation, Dreh, Schnitt, Ton und so weiter gefunden werden. Doch der Wille zur Arbeit an Video-Produktionen sei vorhanden und wachse.
Denn Studiengänge mit Medienorientierung wie „Franko Media“, „Ibero Cultura“ oder „Instructional Design“ sensibilisierten für Neue Medien, entfachten Interesse, und die Studierenden machten gern konkrete Erfahrungen. Leider fehle durch den Zeitmangel aber die Möglichkeit, durch Ausprobieren spielerisch Dinge zu erlernen. „Kaum jemand experimentiert noch herum, denn wegen all der Seminare und Hausarbeitstermine fehlt dafür einfach die Zeit.“ (Doreen Fiedler)
? Der Bachelor ermöglicht beides: Beruf und Familie
„Ach, liebe Damen! Kriegt doch bitte mal mehr Kinder.“ – Wenn es um
Nachwuchs geht, scheinen sich deutsche Politiker über alle
Parteigrenzen hinweg einig zu sein. Doch zeigen sich gerade
Akademikerinnen eher zurückhaltend. Aber nicht verzagen, denn am
hochschulpolitischen Horizont kündigt sich mit dem Bachelor-Studium
womöglich schon seit einigen Jahren ein Lichtblick für die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf an.
Ein Rechenbeispiel: Nach dem neuen G-8-Abi mit 18 an die Uni, das Bachelor-Studium in sechs Semestern durchpowern und – zack! – mit 21 fertig sein. Mit dem Hochschulabschluss in der blutjungen Tasche lässt es sich ohnehin viel entspannter eine Familie gründen. Dann: Kind bekommen, ein Jahr Babypause, danach die Fühler auf dem Arbeitsmarkt ausstrecken, den Ehemann/ Freund/ Lebensabschnittsgefährten in Vaterschutz schicken und gewünschte Stelle annehmen. Spätgebärende? Darüber können Turbo-Bachelorettinnen doch nur lachen – oder?
In einer kleinen - zugegeben unrepräsentativen - Umfrage vor dem Café
Senkrecht klingen eher andere Töne an: „Der extrem verschulte und voll
gestopfte Stundenplan beim Bachelor macht es völlig unmöglich, während
des Studiums ein Kind zu kriegen“, findet Anja.
„Und mit so einem Bachelor-Abschluss kann man seinen Traumjob
sowieso nicht ergattern“, ergänzt Luisa. „Da muss man schon noch den
Master dranhängen.“ Und Julfidane weiß mit Sicherheit: „Niemand aus
meinem Freundeskreis denkt daran, direkt nach dem Studium Mutter zu
werden. Wenn man frisch aus der Uni kommt und sich erst einmal im Leben
und im Beruf orientieren muss, kann man einem Kind doch gar nicht
gerecht werden.“
Somit verweist die Praxis die Theorie mal wieder in ihre grauen Luftschloss-Schranken. (Rimma Gerenstein)
? Der Bachelor ist zu verschult
„Das Bachelor-Studium ist ohne Zweifel stark verschult. Es gilt das System dahin zu optimieren, dass die angebotenen Freiräume optimal genutzt werden“, so Professor Thorsten Friedrich, Studiendekan der Chemie. Der schon im Diplomstudiengang hohe Praxisanteil des Studiums werde nicht erhöht, „da es auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Theorie und Praxis ankommt.“
Der Bachelor biete den Chemie-Studierenden „mit Sicherheit eine solide Grundausbildung, die aber nur eine Basis ist, auf die eine spezialisierte Ausbildung aufgesetzt werden sollte. Ob der B.Sc. alleine für den Arbeitsmarkt ausreicht, wage ich zu bezweifeln, aber das ist Spekulation“, so Friedrich.
Ob Chemie-Studierende mit dem B.Sc. schneller und besser in den Arbeitsmarkt gebracht werden, wird sich laut Friedrich „erst herausstellen, wenn man sieht, wie der Arbeitsmarkt die Absolventen akzeptiert. Jede Prognose diesbezüglich ist nicht mehr wert als der berühmte Blick in die Glaskugel.“ (Wibke Hartleb)
? Die Einführung des Bachelors hat Auswirkungen auf das Kursangebot des Studium Generale
„Ja und nein“, sagt Jens Awe vom Studium Generale, zuständig für den Bereich ‚Vortrag und Veranstaltung’. „Ja, denn das Zentrum für Schlüsselqualifikationen bietet beispielsweise Kurse im Medienbereich kostenlos an, da können wir natürlich nicht dagegen halten.
Nein, weil die Kurse für jedermann zugänglich sein sollen und wir deshalb über die B.A.-Studierenden hinaus noch andere Zielgruppen haben. Dass bestimmte Medienkurse in geringerer Zahl oder gar nicht mehr angeboten werden, ist also indirekt auf die Studiengangreform zurückzuführen. Dafür haben wir andere Bereiche weiter ausgebaut.“
Allerdings passe sich das Programm des Studium generale den sich verändernden Interessen und Gegebenheiten immer wieder an. „War vor ein paar Jahren bei den Kursen etwa Neurolinguistisches Programmieren (NLP) der Renner, will das heute niemand mehr. Dementsprechend richten wir unser Kursangebot immer wieder neu aus“, erklärt Awe.
Da es zudem nicht mehr möglich sei, beispielsweise wegen eines bekannten Professors für einige Zeit die Uni zu wechseln, was an der Begrenzung der Mobilität liege die der B.A mit sich bringe, versuchen Awe und sein Team die „großen Cracks“ für Gastvorträge an die Uni zu holen. „Durch die Studiengangreform hat zudem unser Ziel, die studierte Fächerbreite zu erweitern, noch zusätzlich an Gewicht gewonnen“. (Karolin Schmidt)
? Der Bachelor im Studiengang Medizin ist nicht sinnvoll
Da die Studiengänge schon jetzt extrem vollgestopft und modularisiert seien, „kann ein Bachelor nicht das Wissen und die Kompetenz des jetzigen Staatsexamens haben". Allerdings könnte sich der Studiendekan der medizinischen Fakultät Freiburg, Professor Dr. Rudolf Korinthenberg, einen Bachelorabschluss für diejenigen vorstellen, die eine Zukunft in Fachverlagen, in der Pharmaindustrie oder als Medizinjurist anstreben.
Doch während etwa die Bundesärztekammer eine Bachelor-Master Struktur in der Medizin zurzeit rigoros ablehne, bereiteten einige medizinische Fakultäten bereits einen solchen Ausbildungsweg vor - „für den Fall, dass eine Umstellung politisch erzwungen werden sollte".
? Der Bachelor in Medizin kann nicht die notwendigen Qualitätsrichtlinien eines Staatsexamens einhalten
Professor Dr. Korinthenberg ist von einem überzeugt: Der Arztberuf selbst wird immer das volle Studium erfordern. (Anima Iwischütz)
Mehr Infos zum Bologna-Prozess ...
... findet Ihr beim Bundesministerium für Bildung und Forschung
