"Ihr lebt die Ideen von 68"
Uni muss nicht nur aus Hausarbeiten und Referaten bestehen: Im Januar besuchte Autor und Filmemacher Rainer Langhans ein Hauptseminar zur "Sprache der 68er". Wir haben ihn vom Bahnhof abgeholt…
Von Karolin Schmidt und Rimma Gerenstein (Text und Fotos)
Eigentlich hätten wir ihn auf Gleis 3 abholen sollen. Ist es der da am Abfahrtsplan? Oder der ältere Mann, der die Treppe heruntereilt? So langsam lichten sich die Reihen, unsere suchende Blicke häufen sich. Der Schaffner erklärt uns schon, wann der nächste Zug aus München ankommt, als sich die Waggons in Bewegung setzen und der Blick auf die Nachbargleise frei wird. Vorhang auf: Rainer Langhans. Da sitzt er in der späten Wintersonne: graue Lockenmähne, runde Brille, weiße Gurukleidung von Kopf bis Fuß.
Der Begründer der Kommune I, der Orgienmacher, der Revoluzzer, der aufs System pfeift – will erst einmal biologisch-vegetarisch essen. „Solche Restaurants müsst Ihr hier doch haufenweise haben“, sagt er. „Ähh, bio? Hm… keine Ahnung. Vielleicht bei … hmm …ja.“ – Nach Jahren studentischem Dasein in der Ökohochburg Freiburg fällt uns das Jos Fritz ein. Was es kulinarisch zu bieten hat? Eine Käse-Lauch-Suppe. Und die dampft vor Rainer Langhans, als wir uns entschließen, an der frischen Luft zu bleiben; knapp-über-Null-Grad-frisch, um genau zu sein
Rainer, heute bist Du hier, um mit unserem Seminar über die Zeit der 68er zu diskutieren. Machst du das eigentlich oft?
Nicht so oft, wie ich gerne würde. Ich genieße es, mit jungen Leuten zu sprechen.
A propos junge Leute. Wie würdest Du denn als ein 68er unsere Generation beurteilen? Oftmals kriegen wir ja zu hören, dass wir meilenweit von Euren Fußstampfen entfernt seien – unpolitisch, übersättigt, verweichlicht.
Nein, das finde ich überhaupt nicht. Ich sehe, wie die jungen Menschen sich engagieren und es ist doch auch klar, dass das sich heute in anderen Formen ausdrückt. Bei uns ging der Protest ja aus der Tatsache hervor, dass wir Kinder von Massenmördern sind und daher grundlegend anders leben wollten, mussten, um glücklich zu werden. Dieses bürgerlich-mörderisch-kriegerische unserer Elterngeneration wollten wir nicht mehr. Und in Euch setzen sich die Anfänge meiner Generation fort. Ihr lebt doch zum Beispiel alle in Kommunen.
In Kommunen? Meinst Du WGs?
Nein, ich spreche von Kommunen. Schaut Euch doch nur das Internet an. Das Netz ist die größte Kommune überhaupt. Alles Wissen der ganzen Welt wird darin gespeichert, bei Facebook ist jeder jedes Freund. Wir hatten diese Erfahrung damals nicht technologisch, sondern mindmäßig gemacht. In dieser virtuellen Lebensform finden Aktionen eher innen als außen statt - aber das halte ich für politisch, gemäß unserer damaligen Erfahrung: Das Private ist das eigentlich Politische.
"Das Private ist eigentlich das Politische".
Aber wenn man sich die Aktionen der 68er anschaut, kann man doch nicht davon sprechen, dass sie privat waren, oder? Man denke doch zum Beispiel an die Kaufhausbrände in Frankfurt… (Infos zu den Kaufhausbränden und dem Pudding-Attentat am Ende des Artikels)
Gut, dass Ihr das ansprecht. Das waren zunächst eher so was wie künstlerische Aktionen, die situationistisch entstanden sind. Genauso wie das Pudding-Attentat. Es ging um bewußtseinsverändernde Situationen, nicht um Waffen und Krieg. Die spätere Praxis der RAF, mit Gewalt auf Gewalt zu antworten, hielten wir für einen Fehler. Ich war selbst bei der Bundeswehr und habe professionell töten gelernt. Auch deswegen wollte ich keinen Krieg. Ich wollte, wir wollten eigentlich lieben.
Aber gingen Andreas Baader und Gudrun Ensslin nicht bei der Kommune I ein und aus?
Das stimmt. Ich war ja gut Freund mit Gudrun und Andreas. Diese Art von Krieg, in die sie sich dann hineinziehen ließen, fing damit an, dass sie sich in eine Ecke bei uns setzten und flüsterten. Man erfuhr nicht mehr, über was sie redeten. Nach und nach brach der Kontakt ganz ab und sie gingen in den Untergrund, obwohl das sicher auch keine leichte Entscheidung war. Nun galt: Entweder Du bist für uns oder gegen uns. Und wir anderen hatten dann ein schlechtes Gewissen, weil wir ja vergleichsweise nichts taten.
Und wie beurteilst Du auf der anderen Seite Rudi Dutschkes politische Aktivität?
Rudi war ein toller Rapper unserer Gefühle – aber auch ein Spießer: ein Christ und verheiratet. Er wollte zwar die Revolution, war aber nicht bereit, sich auch selbst zu revolutionieren. Wir fanden, dass das nötig war, weil es sonst keine Revolution geben konnte.
Was ist denn an einer Ehe verwerflich?
Wir fanden damals, dass die Kleinfamilie den autoritären Typus hervorbringt und wollten daher in Kommunen leben. Das versuchten dann auch viele - Rudi nicht. Inzwischen gibt es die alte Ehe nicht mehr und jede zweite wird geschieden.
Lebst Du deswegen in einem Harem mit fünf Frauen?
Es ist kein Harem, so nennen uns Außenstehende, sondern eine Gemeinschaft radikaler Individualisten, die sich selbst suchen. Eine Kommune von Älteren. Man kann mit mehreren Menschen aufrichtige, intime Beziehungen haben. Das bedeutet nicht unbedingt Sexualität.
Aber sind „wilde Orgien“ nicht das, was in erster Linie mit dem Kommunenleben assoziiert wird?
Ja, aber diese Sexualisierung kam von außen. Es ging uns nicht nur um Sex, wir wollten einen neuen Menschen entdecken. Wenn Du Dich außerhalb des Körpers in einem Rauschzustand befindest, denkst Du nicht einmal an Sex. Aber in der westlichen Zivilisation ist die körperliche Liebe leider das höchste, was der Mensch sich vorstellen kann. Also kamen die Reporter immer wieder und fragten: „Ihr feiert doch Orgien, oder? Und jeder darf mit jeder?“ Da sagten wir einfach nur ja. Wir wussten, dass sie vor allem das unter einem besseren Leben verstanden.
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„Sex, Drugs, Peace and Rock ’n’ Roll“, brüllt eine Gruppe Teenies Rainer Langhans hinterher, als wir uns vom Jos Fritz auf den Weg zur Uni machen. Der lächelt nur, schultert seine weiße Stofftasche (sein Pendant zu einem bürgerlichen Koffer) und ignoriert die Ampel bei der alten UB, während wir etwas verwirrt auf Grün warten.
Infos
Rainer Langhans wurde am 19. Juni 1940 in Oschersleben geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend im thüringischen Jena und entschied sich 1962, nach dem abgeleisteten Grundwehrdienst bei der Bundeswehr, für ein Psychologie-Studium an der Freien Universität in (West-)Berlin.
Ob als Begründer der Kommune I oder als eine der führenden Figuren der Außerparlamentarischen Opposition (APO): Langhans gilt als „Poster-Boy“ der 68er-Generation, die sich gegen die spießbürgerliche Werteordnung der Bundesrepublik wandte.
Heute lebt Rainer Langhans als Autor, Filmemacher und Publizist in München. Für seinen Dokumentarfilm „Schneeweißrosenrot“ wurde er 1994 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Zu seinen Publikationen gehören unter anderem die Bücher „Klau mich“, „Ich bin’s“ und „K 1“.
1967 brachte Langhans mit anderen Mitgliedern der Kommune I ein Flugblatt in Umlauf, das auf Kaufhausbrände in Brüssel Bezug nahm und die Massen- und Konsumgesellschaft sowie den Vietnamkrieg kritisierte. Langhans wurde wegen Anstiftung zur Brandstiftung angeklagt – und wieder freigesprochen. Einige Tage nach Prozess-Ende steckten Baader und Ensslin in Frankfurt tatsächlich zwei Kaufhäuser in Brand.
Als Protest gegen den Vietnamkrieg sollte Hubert H. Humphrey, damaliger Vize-Präsident der USA, bei einem Besuch in der BRD mit Pudding beworfen werden. Allerdings kam es nie zur Durchführung dieser Aktion, da Langhans und andere Kommunarden „vorbeugend“ in Haft genommen wurden.
