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Koffer packen mit Kierkegaard

Alleine über Büchern brüten? Das „Studentische Philosophicum“ bietet das Gegenteil: Gemeinsam lesen und besprechen Studierende philosophische Texte – und laden Interessierte zum Mitdiskutieren ein.



Von Rimma Gerenstein, Germanistik, Anglistik, Geschichte


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Lesen und diskutieren in studentischer Eigenregie:
Das Philosophicum lädt alle Interessierten zum Mitmachen ein.

Foto: panthermedia/ Claus Lenski

Texte von Nietzsche, Marx oder Kant: Philosophische Schriften zu lesen ist nicht einfach. Und einen Sinn aus den Bleiwüsten zu ziehen, erst recht nicht. Das dachte sich auch Manfred Kröber, als er im Sommersemester 2008 mit einem Kommilitonen das „Philosophicum“ ins Leben rief.

Bei dem Lesekreis steht nicht nur die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte, sondern vor allem die Diskussion im Mittelpunkt. „Jeder saß wohl schon öfters in einem Seminar, in dem nur der Professor oder die Referenten die ganze Zeit Vorträge hielten“, sagt der Philosophiestudent.

„Wenn man aber an den Ursprung der Seminarform denkt, ging es gerade darum, die Frontalvorlesungen abzulösen, damit auch die Studierenden mehr zu Wort kamen.“ Und so liest, lernt und diskutiert das Philosophicum in studentischer Eigenregie - jenseits von Scheinen und ECTS-Punkten.


Kierkegaards Jugendwerk „Entweder-Oder“


Bisher standen Karl Marx’ „Das Kapital“ und das von ihm zusammen mit Friedrich Engels verfasste „Manifest der Kommunistischen Partei“ auf der Programmliste.


Dieses Semester liest das Philosophicum in eine ganz andere Richtung: Mit Sören Kierkegaards Jugendwerk „Entweder-Oder“ erwarten die Gruppe 1000 Seiten, auf denen der Autor den berühmten Dialog zwischen zwei Parteien entfaltet. Wie Don Juan mit allen Sinnen die Liebe genießen oder sich doch ab und zu auf moralische Grundsätze besinnen? Ein Ethiker und ein Ästhetiker diskutieren zentrale Fragen rund um die menschliche Existenz und konfrontieren den Leser mit zwei unterschiedlichen Lebensauffassungen.


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Spaß am Lesen philosophischer Schriften: Manfred Kröber ist Mitbegründer des Philosophicums.

Foto: Rimma Gerenstein

„Der Text ist sehr prosaisch und literarisch geschrieben“, sagt Manfred. Ganz im Gegensatz zur eher glanzlosen und trockenen Sprache Marx’ sei der Zugang zu Kierkegaards „Entweder-Oder“ um einiges leichter. Und auch die zahlreichen Exkurse in Musik, Kunst und Literatur, die den Bogen von Mozarts Opern bis zu Goethes Dramen spannen, bieten facettenreichen Diskussionsstoff.


Reden mit Experimentiercharakter


Und wie sieht eine Sitzung des Philosophicums aus? „Anarchisch und mit Experimentiercharakter“, sagt Manfred. Eine Seminarleitung im üblichen Sinne oder Referate gibt es nicht, stattdessen entscheiden die Teilnehmer gemeinsam, über welche Passage und welchen Aspekt des Werkes sie diskutieren möchten. Und wenn Ethnologen und Anglisten auf Philosophen, Juristen oder Mediziner treffen, sind unterschiedliche Perspektiven garantiert.


Um die Ergebnisse der Diskussionen festzuhalten, werden zu Beginn jeder Sitzung die Eckpunkte der letzten Besprechung zusammengefasst. „Das funktioniert so ähnlich wie bei dem Spiel ‚Ich packe meinen Koffer’“, erzählt der Philosophiestudent. „Es fängt mit einem Thema an und im Laufe der Treffen kommen immer mehr Aspekte hinzu, die wir rekapitulieren. Deswegen kann man bei uns auch jederzeit einsteigen.“


Mitlesen, mitreden, mitmachen


Und worauf könnt Ihr Euch gefasst machen? „Auf interessante Gespräche und interessante Menschen, die die Texte zwar ernsthaft, aber nicht verbissen lesen“, sagt Manfred. Schließlich muss man ja keinen Schein machen.


Wo und wann?


Das Studentische Philosophicum trifft sich ab der ersten Semesterwoche jeden Mittwoch um 20 Uhr s.t. im Raum 1222. Neue Mitglieder sind herzlich willkommen.



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