Politisches Rollenspiel
Die Albert-Ludwigs-Universität ist Südafrika – zumindest beim Planspiel der United Nations. Im April reisten 20 Freiburger Studierende als Delegierte nach New York und lernten die diplomatische Arbeit der Vereinten Nationen von A bis Z kennen.
Von Rimma Gerenstein, Germanistik, Anglistik, Geschichte
Foto: NMUN-Delegation Freiburg
Ob Geschichte, Politik oder Wirtschaft: Was Südafrika angeht, sind Mareike Well und Sarah Caroli mittlerweile zu Expertinnen geworden. Im April hatten die zwei Studentinnen die Gelegenheit, dieses Wissen beim National Model United Nations (NMUN) Planspiel unter Beweis zu stellen.
Wie jedes Jahr reisten über 4.000 Studierende aus aller Welt nach New York, um sich in der hohen Kunst der Diplomatie zu versuchen. Als Teil der zwanzigköpfigen Delegation, die die Uni Freiburg zum Planspiel entsandte, vertraten Mareike und Sarah das Land Südafrika und konnten fünf Tage lang in die alltägliche Arbeitspraxis der Vereinten Nationen hineinschnuppern.
Die Diplomatenrolle übernehmen
Wann setzen die Industriestaaten ihre Versprechen der letzten G-8 Gipfel bezüglich Wasserknappheit endlich in die Tat um? Wie kann das Land seine Migrationspolitik bei den afrikanischen Nachbarsstaaten durchsetzen? Von Debatten im versammelten Plenum über das Verfassen von Berichten und Resolutionen bis hin zur Lobby-Arbeit: „Das Ziel des NMUN ist es, die Arbeit der Vereinten Nationen realitätsgetreu zu simulieren und dabei immer in der Diplomatenrolle zu bleiben“, sagt Sarah.
Eine Aufgabe, die für beide Studentinnen zur Herausforderung wurde. „Man soll natürlich im Sinne des Landes argumentieren“, erzählt Mareike, die Politik und Deutsch studiert. „Da war es manchmal ziemlich schwierig Positionen zu verteidigen, die nicht der eigenen Überzeugung entsprechen. Zum Beispiel wenn es um Südafrikas Einwanderungspolitik ging, die aus unserer westlichen Sicht das Problem des zunehmenden Fremdenhasses nicht verbessert.“
30 Sekunden Redezeit
Was die Freiburgerinnen außerdem überrascht hat, war das bis ins kleinste Detail geregelte Vorgehen. Will ein Delegierter im Plenum das Wort ergreifen, muss ihm der Vorsitzende erst die Erlaubnis dazu erteilen.
Und bevor er zu Wort kommt, kann es durchaus passieren, dass ein anderer Delegierter die Redezeit von eineinhalb Minuten auf dreißig Sekunden heruntersetzen will - worüber die ganze Mannschaft abstimmen muss.
Nicht zu vergessen das Recht auf Beschwerde, wenn ein Diplomat zu leger gekleidet erscheint. „Solche Prozeduren, in denen allein Formalitäten geklärt werden, haben manchmal Stunden gedauert, so dass man lange nicht zur eigentlich inhaltlichen Arbeit kam“, erzählen Sarah und Mareike.
Verhandeln bei Apfelkuchen
In New York lernten die zwei Studentinnen jedoch auch die andere Seite diplomatischer Praxis kennen. Waren die über 4.000 Hände aller Delegierten erst einmal geschüttelt und die wichtigsten Informationen ausgetauscht, ging es an die Substanz: Mit welchen Ländern decken sich die Interessen Südafrikas? Wen kann man ins eigene Boot holen? Doch das Berichte schreiben, Resolutionen verfassen und Konzepte entwickeln, basierte nicht nur auf strategischem Kalkül und überzeugenden Argumenten.
Drei Stunden verhandelte Sarah beispielsweise mit einer Repräsentantin der USA über die Frage, wie die Versprechen der G-8 Staaten schriftlich festgehalten werden sollten. „Sie wollte partout nicht nachgeben und ich dachte, ich hätte diese ganze Zeit über nichts erreicht“, sagt die Medizinstudentin.
Schließlich löste sich das Problem bei einem Stück Apfelkuchen: Von Biss zu Biss wurde die USA-Delegierte entgegenkommender und Südafrika bekam seine Wunsch-Paragraphen. „Es war interessant zu beobachten, dass die wichtigsten Resultate meist im Zwiegespräch statt in der großen Versammlung zustande kamen und stark von Sympathien abhingen“, zieht Sarah Bilanz.
„Man denkt immer, die UNO sei ein monolithischer Block von gleichgesinnten Mitgliedsstaaten, die gemeinsam versuchen, die Welt zu verbessern“, fügt Mareike hinzu. „Unsere Erfahrung beim Planspiel bestätigt jedoch eher das Gegenteil. Es gibt Allianzen, Verbünde, Splittergruppen. Die Vereinten Nationen sind das, was die Mitgliedsstaaten aus der Organisation machen.“
Vorbereitung, die sich lohnt
Rund ein Semester hat sich die Freiburger Delegation auf das New Yorker Planspiel vorbereitet. In einem speziellen Tutorat arbeitete sich die Gruppe in Südafrikas politische und wirtschaftliche Lage ein, eignete sich Theorie und Praxis der UNO an und konnte bei Planspielen in Frankfurt und Hamburg erste Erfahrungen sammeln.
Die Mühe hat sich gelohnt: Mit insgesamt drei Preisen wurden die Freiburger für ihre Arbeit als Delegation sowie für die so genannten "position papers" ausgezeichnet, in denen sie die Positionen und Interessen Südafrikas formulierten.
Informationen
Weitere Informationen gibt es unter www.nmun.uni-freiburg.de
